Zum Trotz

Trotz ist ein Verhalten des Widerstands

das sich in hartnäckigem, oft auch von heftigen Gefühlsausbrüchen begleitetem Beharren auf einer Meinung oder einem (ggf. auch nur vermeintlichen) Recht äußert.

Der Begriff Trotz (mittelhochdeutsch (vorwiegend) tra(t)z, oberdeutsch tru(t)z für ‘Widersetzlichkeit, Feindseligkeit, Herausforderung’, frühneuhochdeutsch auch ‘Unerschrockenheit, Mut’ war ursprünglich nicht negativ konnotiert, sondern bezeichnete allgemein Gegenwehr oder Standhaftigkeit (vgl. etwa Redewendungen wie Trutz bietenSchutz und Trutz).

Der Trotz empfindende und ausübende Mensch befindet sich dabei in einem Zustand des inneren, leicht auch äußeren Widerstandes gegen die soziale Umwelt im Sinne der Selbstbehauptung. Es besteht immer auch eine Tendenz zum Abbruch der Kommunikation. In der Psychologie ist auch die komplexe Abwehrreaktion der Reaktanz beschrieben, die zum Beispiel dann eintritt, wenn eine Appellbotschaft auf der Beziehungsebene nicht fundiert ist.

Quelle: verkürzt nach https://de.wikipedia.org/wiki/Trotz

Daniela Strigl dazu:

Trotzdem Kunst

Trotz ist nicht zuletzt eine Haltung, die sich als Reaktion auf eine ausgeprägt kunstfeindliche Gegenwart aufdrängt. Womöglich ist die Kunst, die Literatur selbst eine Form von Trotz: gegen den Alltag, gegen die wirtschaftliche Nutzbar­machung von allem und jedem, gegen die Überbewertung von Anliegen und Agenda. Und natürlich kann die Litera­tur gesellschaftlichen Trotz artikulieren: zum Beispiel gegen politische Entwicklungen, die die Eckpfeiler des demokrati­schen Gemeinwesens erschüttern.

Der Wert, der Stellenwert der Literatur in unserer Gesell­schaft scheint kontinuierlich abzunehmen. Er bildet sich wiederum im Stellenwert der Literatur in Schule und Hoch­schule getreulich ab. Ich meine: Das ist nicht einfach so pas­siert, das war und ist politisch gewollt, und zwar zunächst gar nicht von denen, die heute davon profitieren, weil eine Ge­sellschaft ohne Literatur eine Gesellschaft ohne Gedächtnis ist, ohne kritisches Selbstbewusstsein, ohne Phantasie und ohne Streitkultur. Die Demontage der Literatur im Rahmen der österreichischen Maturareform wurde von einer sozial­demokratischen Ministerin eingeleitet und von bürgerlichen Politikern und Bildungsexpertinnen exekutiert. Man kann es nicht anders sagen: Die Literatur kämpft heute ein Rück­zugsgefecht: in den Zeitungen, im Fernsehen, im Radio, in der politischen Wertigkeit, der Freizeitgestaltung des Einzel­nen, im Gespräch mit Freundinnen und Freunden, an der Universität und in der Schule.

Wer beharrlich am Wert der Literatur festhält, muss sich die Frage nach dem Zweck gefallen lassen: Jahrzehnte, um nicht zu sagen, Jahrhunderte lang war diese Kunstgattung selbstverständlicher Teil des kollektiven Bildungsideals. Ein Mensch ohne literarische Bildung, dem fehlte nach allgemei­ner Ansicht etwas, der war eben nicht »wirklich« gebildet. Heute hat sich eine freche Unbedarftheit vom Ideal der All­gemeinbildung bereits erfolgreich emanzipiert: Man kommt auch so voran, in der Wirtschaft, in der Wissenschaft, in den nationalen Machtzentren.

Auszug aus: Zum Trotz. Erkundung einer zwiespältigen Eigenschaft, Residenz Verlag, Salzburg/Wien 2025, ISBN 978-3-7017-3635-5

Bildquelle: Wikipedia