Die Algorithmen in den sozialen Netzwerken

sorgen dafür, dass wir Inhalte sehen, die wir gut finden – unabhängig davon, ob sie wahr sind. „Die Algorithmen funktionieren nach Marktlogik“, sagt der bolivianische Digitalexperte Cristian Leon der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media und warnt vor einer massiven Gefahr für alle Demokratien. Ein Blick nach Südamerika zeigt, was Europa drohen könnte.

Von: Laura May

© DIEGO LIMA/afp

In Deutschland nutzen vor allem rechte und konservative Parteien Desinformation als Wahlkampfstrategie, wie eine Studie der Humboldt-Universität belegt. Darin heißt es: „Unter den Parteiaccounts teilte die AfD am meisten Desinformation. Ihr folgten CDU, CSU und BSW, während SPD, Grüne, Linke und FDP kaum Desinformation verbreiteten.“ Falschbehauptungen der AfD richten sich demnach häufig gegen demokratische Institutionen, während die Union bevorzugt falsche Nachrichten über politische Gegner verbreitet. In Bolivien haben im August die Folgen der Festnahme eines Politikberaters das Ausmaß gezielter Desinformation offenbart.

Es geht um den Fall von Fernando Cerimedo, einem argentinischen Politikberater und Digitalstrategen. Seine Spezialität war der Einsatz von Social-Media-Kampagnen, Trolls und Bot-Netzwerken, er verhalf Rechtspopulisten in mehreren Ländern zum Wahlsieg. Darunter Jair Bolsonaro in Brasilien, Javier Milei in Argentinien und zuletzt Rodrigo Paz in Bolivien. „Cerimedo hat das Rad nicht neu erfunden, aber das Neue daran ist, dass diese Botfarmen für mehrere Länder funktionieren“, erklärt Leon, Direktor der zivilgesellschaftlichen Organisation Internet.Bolivia.org, die sich für digitale Rechte, Datenschutz und einen freien, sicheren Internetzugang einsetzt.

Im August wurde Cerimode in Bolivien festgenommen – wegen Verdachts auf Beteiligung an einem Schusswaffen-Attentat auf seine schwangere Ex-Partnerin. Außerdem werden ihm Drogenhandel, Geldwäsche und Beteiligung am Umsturzversuch in Brasilien vorgeworfen. Seine Festnahme machte aber vor allem einen Teil seiner Desinformationskampagnen sichtbar. Bei Razzien in mit ihm in Verbindung stehenden Immobilien entdeckte die bolivianische Staatsanwaltschaft eine Art „Mini-Bot-Farm“ mit technischer Ausrüstung zur Automatisierung und Verbreitung von Inhalten in sozialen Medien. Cerimedos Verhaftung ließ seine Onlinestrategie Lücken bekommen und sichtbar werden – was unter anderem der argentinische Präsident zu spüren bekam.

X-Accounts und Kommentare von Javier Mileis Abonnenten und Kommentatoren erschienen plötzlich mit serienmäßigen Namen, und Automatisierungscodes in den Antworten. Die durchschnittliche Reichweite seiner Tweets ging laut der Informationsplattform Somoscorta bis zu 62 Prozent zurück. Plötzlich zeigten fehlende Profilfotos, dass knapp die Hälfte der Accounts, die dem Präsidenten folgten, gefälscht waren, wie ein Bericht des Analyseunternehmens Binary Data zeigte. Der rechtslibertäre Kreis um Milei betrachtete der Vorfall erstaunlich nüchtern. „Früher wäre das ein Skandal gewesen“, sagt Leon, „aber heute verstecken sie diese Strategie nicht mehr. Sie stellen sie zur Schau.“ Die Grenze des Mach- und Sagbaren in Bezug auf Desinformation in Demokratien werde langsam verschoben.

Auszug aus: https://www.fr.de/politik/exzessiv-antidemokratisch-warum-eine-verhaftung-in-bolivien-eine-warnung-fuer-deutschland-ist-zr-94511548.html, abgerufen 26.09.2026, 14:34 Uhr

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